
Klassifizierungszwang führt zum Ende des historischen Hotelschlosses
Paspels, 6. Juli 2012 – Das historische Hotel Schloss Sins in Paspels GR/Domleschg schliesst. Grund: Ein Streit über eine erzwungene Hotelklassifizierung. Doch die Gastgeberin will nicht klassifizieren.
Von Christian Nill, © Bar-Storys.ch
«Wir klassifizieren keine Menschen!» Diesen Satz wiederholt Corina Barblan mehrmals während des Telefongesprächs. Sie ist Gastgeberin und Geschäftsführerin im Schloss Sins in Paspels, im bündnerischen Domleschg. Und um eine Klassifizierung geht es in dieser Geschichte. Es ist eine Geschichte, die symptomatisch ist für den Zeitgeist: Klassifizieren, schubladisieren, zu Tode definieren. Eine Geschichte, die zeigt, was passiert, wenn der bürokratische Amtsschimmel in den hintersten, verborgenen Ecken des Lebens galoppiert und auch noch die letzte aufkeimende Blüte Individualität niedertrampelt.

Sohn Michele Bernasocchi gemeinsam mit seiner Mutter Corina Barblan am Tisch in der historischen Küche von Schloss Sins. Bild: Daniel Kellenberger
Zwang zur Klassifizierung ist schuld
Kurz: Schloss Sins schliesst, weil die Vermarktungsorganisationen Schweiz Tourismus und Swiss Historic Hotels verlangen, dass Corina Barblan und ihr Ko-Geschäftsführer und Sohn, Michele Bernasocchi, dieses einzigartige Schloss zu klassifizieren haben. Sprich: Sterne-tauglich machen. Weil nun aber ein historisches Schlosshotel gerade von seiner gepflegten historischen Ambiance lebt, inklusive teilweise historischer Infrastruktur, macht es keinen Sinn, es in ein enges Sterne-Korsett zu zwingen. Das hätte zur Folge, dass Schloss Sins nicht mehr auf den grossen, international vernetzten Vermarktungsplattformen von Schweiz Tourismus und Swiss Historic Hotels präsent wäre. «Das können wir uns aber in dieser bescheidenen touristischen Gegend nicht leisten. Nicht bei dem Niveau, das wir aufgebaut haben.»
Corina Barblan erklärt ihr Dilemma: «Wir haben teilweise die Bäder auf den Etagen. Die Gäste stören sich nicht daran. Nun hätten wir entweder die historischen Zimmer mit Badezellen aufrüsten müssen, damit wir eine 4-Sterne-Klassifzierung erreicht hätten oder aber wir wären ein 2-Sternehotel geworden. Was wir nicht sind!» Swiss Historic Hotels und Schweiz Tourismus hätten eigentlich nichts Anderes von ihnen verlangt, als dass sie die Hotelgäste von Schloss Sins hätten klassifzieren müssen. «Wir wollen aber keine 2-Sterne- oder 4-Sterne-Gäste. Das widerspricht unserer Philosophie, dass alle Menschen gleich sind und gleich behandelt werden, komplett!»

Eines der sanft renovierten historischen Zimmer in Schloss Sins. Bild: Daniel Kellenberger
Die Schweiz verliert das zweitletzte historische Hotelschloss
Der Zwang zur Klassifizierung sei schlicht nicht mehr zeitgemäss, denn, so Barblan: «Es tötet die Individualität. Und darum geht es doch, bei einem historischen Hotelschloss: um Einzigartigkeit und Individualität. Dadurch wollen wir uns auszeichnen.» Daher sei es für die Familie Barblan nicht möglich, dem Druck nachzugeben.
Aus diesem Grund verliert die Schweiz nun eines von nur zwei historischen Hotelschlössern. Das zweite ist das Schloss Wartegg beim Bodensee, welches sich ebenfalls klassifizieren lassen muss und deshalb teilweise habe umbauen müssen.
Dass keine Einigung mit Schweiz Tourismus und mit Swiss Historic Hotels möglich war, bedauert Corina Barblan. «Bei Swiss Historic Hotels reagierten sie empört auf unseren Entscheid. Aber wir haben es uns lange und gut überlegt. Wir entschieden uns bereits im Frühling dieses Jahres dazu, den Hotelbetrieb einzustellen. Für uns stimmt es heute.»
Unschönem Ende folgt private Nutzung
Ob denn dieser Entschluss unumstösslich sei, wenn sich nun die Vermarktungsorganisationen doch noch bereit erklären würden, auf den Klassifizierungszwang zu verzichten, möchte man von der mit spürbarer Leidenschaft argumentierenden Gastgeberin erfahren. «Der Entscheid ist entgültig. Wir tragen ja auch eine Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern. Diese verlieren ja ihre Stelle. Wir haben sie jedoch unterstützt, damit sie alle einen guten neuen Arbeitsplatz finden.»
Sie würden den Entscheid nicht widerrufen, auch wenn sich die Klassifizierungsorganisationen plötzlich doch noch zu einem Kompromiss durchringen sollten. Die Gäste seien über die Schliessung bereits informiert. Dennoch hofft Corina Barblan, dass dieses unschöne Ende zu einem Umdenken bei den Verantwortlichen der Vermarktungsorganisationen führen werde. Bereits sei ein runder Tisch geplant. «Wir hätten auch eingeladen werden sollen, hiess es. Aber bis heute kam keine Einladung.»
Noch bis zum 31. August 2012 steht das Hotel den Gästen offen, danach ist Schluss. Den Hausgeist von Schloss Sins wird es nicht weiter stören. Denn das Haus, das 1695 gebaut wurde, gehört der Familie Barblan. Es wird weiterhin genutzt werden als das, was es ist: ein einzigartiges historisches Denkmal von überregionaler Bedeutung, das zu pflegen und unterhalten sich die Familie zur Aufgabe gemacht hat. Nun halt einfach privat. Schade darum. (chn /@ bar-storys.ch)

Ein Aufenthaltsraum im Schloss Sins. Bild: Daniel Kellenberger
Über Schloss Sins:
Das Schloss Sins liegt eingebettet in der hügeligen Landschaft des Domleschg und ist ein geschichtsträchtiges Haus mit Grundmauern von 1695. Der Landsitz erfuhr 1892 durch den Bündner Architekten Niklaus Hartmann die schmuckvolle Fassadenausprägung. Das Schloss wurde im Jahr 2000 von Pia Schmid sanft renoviert und zum Hotelbetrieb umfunktioniert. Es wird familiär geführt und verfügt über zwölf individuellen Gästezimmern sowie eine regional basierte Genussküche. Schloss Sins liegt in der Nähe von Fürstenau, wo Spitzenkoch Andreas Caminada in seinem Schloss Schauenstein wirkt. Gäste von Caminada kamen ebenso zum Essen ins Schloss Sins, wie die eigenen Hotelgäste ein Dinner beim 3-Sternekoch buchten.
Das geschichtsträchtige Schloss ist das Geburtshaus von Pompejus von Planta und dessen Tochter Lukretia. Von Planta war ein Gegenspieler von Jürg Jenatsch. Es weist eine Sgraffito-Fassade aus dem Jahr 1695 auf und wurde nach der stilvollen Renovation im Jahre 2000 für Gäste geöffnet. Motto: Das Besondere im Einfachen. Die zwölf individuellen Zimmer sind mit stilechten Möbeln ausgestattet. Hübscher Schlossgarten zum Lustwandeln.
Links:

Das Schloss Sins von Paspels aus gesehen. Bild: Christian Nill, © Bar-Storys.ch

Der Ess-Saal im Schoss Sins. Bild: Daniel Kellenberger

Dieser Glücksdrache am Dach von Schloss Sins möge den Bewohnern noch lange Glück bringen. Bild: Christian Nill
|
Äusserst schade – ein Armutszeugnis und eine Blamage erster Güte für die Vermarktungsorganisationen.
Sehr schade, dass dieses Hotel schliesst, ein wunderschöner Betrieb, obwohl ich noch nicht dort war. Die Fotos sprechen für sich.
Habe gerade diese Hotelbewertung von einem Gast gefunden. Einzelvorkommnis oder Regel? Vielleicht gäbe es doch noch einiges zu verbessern punkto Gastfreudschaft? Nicht nur die Klassifizierung… Aber man weiss ja, wie gewisse Bündner sein können wenn sie gerade schlecht drauf sind.
“Stimmungsvolles Schloss in schöner Umgebung. Leider fühlten wir uns von Anfang an nicht willkommen, wurden auch mit keinem Wort willkommen geheißen. Die Zimmer sind einfach, aber mit allem Notwendigen eingerichtet. Unser Bad war auf der Etage. Das Essen war aufwändig angerichtet, die Tische weiss gedeckt, für Erwachsene ohne Getränke kostet ein Abendessen um die CHF 70.–. Das Frühstücksbuffet ist sehr gut und vielseitig. Als wir eine Unstimmigkeit zwischen Rechnung und vereinbartem Preis klären wollten, wurden wir sehr unfreundlich “abgeputzt”, der Preis aber schliesslich angepasst. Verabschiedet wurden wir mit einem: “Das ist eine Frechheit”. Schade. Der Platz wäre schön, aber der Umgang unprofessionell.”
Das spricht für sich. Auch wenn man nicht recht weiss, was da eigentlich war…
Zudem habe ich gerade gesehen, dass die lieben Bündner Schloss-Hoteliers zwar relativ moderate Preise angeben, aber dann eine Tagespauschale von 75.- draufschlagen. Sollen sie doch gleich die richtigen Preise angeben als so durchsichtige Spieli zu betreiben.