Madonnas versehentlicher Auftritt im Himmel des King

Was macht Madonna bei Elvis Presley im Himmel?

Am 16. August 2012 jähren sich zwei Ereignisse von pophistorischer Bedeutung: Elvis Presley starb genau vor 35 Jahren. Und Madonna, zurzeit noch unsterbbare Pop-Queen, feiert ihren 54 Geburtstag. Weil Dieter Bohlen auch noch auftaucht und ein Castingshow-Gewinner plötzlich Hamburger verkauft wird klar: Hier treiben Castingshow-Zombies ihr Unwesen.

 

Von Bojan Peric (Text) und Kushtrim Xhaferi (Illustration)

Als sich der Nebel vor Madonnas Augen legte, sah sie – Nebel. Na toll. Ab und an tauchten schwer erkennbare Umrisse auf, der Rest war nichts weiter als diffuses Nichts. Als ob man blind wäre. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. «Was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt», rief Madonna laut, um in diesem nebulösen Nichts etwas Aufmerksamkeit zu erheischen. «Tagaus, tagein auf Tournee, im Musik- und Fitnessstudio. Wie das einen auszehrt! Wo bin ich überhaupt?»

Madonna schaute sich um. Langsam schälten sich Konturen aus dem Nebel. Nischen mit Tischen. Bunte Farben. Stimmengewirr. Und dieser bestimmte Geruch, süsslich, säuerlich und ölig, vermischt mit Putzmittel.

«Ich weiss noch, dass ich an meiner Geburtstagsparty war», versuchte Madonna zu rekapitulieren. «Lourdes hatte gekocht, irgendetwas Komisches mit Pilzen. Pilze! Das ist es. Ich hätte sie nicht essen sollen. Ich vertrage sie nicht mehr so gut, wie damals, als ich noch jünger war. Damals waren die Halluzinationen auch noch spannender. Das sieht hier ja aus wie in einem… Diner

 

Im Himmel, nur in wessen?

Madonna sinnierte und starrte in die Umgebung, die nun vollends Gestalt angenommen hatte. Sie befand sich in einem überdimensionalen, sakralen Fastfood-Tempel. Leute wuselten um sie herum, mit Tabletts voll von riesigen Hamburgern, triefenden Pommes-frites und überschwappenden Bechern mit braun-klebriger Limonade. Niemand nahm Notiz von ihr. Irgendwo im Hintergrund hörte sie eine nölend-nasale  Stimme, in einer Fremdsprache, die sie erstaunlicherweise verstand. Wie um Himmels Willen war sie hierher gekommen?

Just als Madonna Himmel dachte, erklang ein tiefer allumfassender Glockenschlag. Madonna schaute nach oben. In der gigantischen Kuppel des Burger-Diners schwebte ein ebenso gigantischer Hamburger, saftig und definitiv um Welten appetitlicher, als die Dinger, die man jeweils tatsächlich erhält.

Es war ihr, als könnte sie engelhafte, dickliche, nackte Kinder erkennen, die dort oben um den himmlischen Hamburger flatterten. Und dann erkannte sie noch einen weiteren Engel, der war allerdings wesentlich grösser und dicker und hatte eine schwarze Tolle. Er schien sich einen Spass zu machen, die kleinen Puten um den Hamburger zu jagen.

 

Viele Kerzen auf der Torte

«Nein, es waren nicht die Pilze», monologisierte Madonna weiter, «sie brachten meine Geburtstagstorte herein. XXL, damit all die Kerzen darauf Platz haben. Weiss gar nicht, wie viele es waren. 48? 55? 69? Ich sollte blasen, alle ausblasen. Der junge, muskulöse Feuerwehrmann, der bereit stand, im Notfall den Brand zu löschen, zwinkerte mir ermutigend zu. Ich holte tief Luft und blies, holte nochmals Luft – und dann war ich auf einmal hier. Wo zum Teufel bin ich hier eigentlich?!»

Sie hätte schwören können, dass beim Wort Teufel das fette Wesen mit der Tolle zu ihr herunter geschaut hatte. Und tatsächlich, dieser wabbelige, übergrosse Engel flog nun direkt auf Madonna zu. Die nackten Puten flatterten um seinen Kopf und sangen ununterbrochen Love me tender, love me sweet, you have made my life complete.

Elvis Presley seelig landete etwas hart neben Madonna, faltete seine pailettenverzierten Flügel ein und gab einen wohlig-krachenden Rülpser von sich. «Warum du hier bist, kann ich dir nicht sagen. Es ist eigentlich mein Himmel», flötete Elvis mit tiefer, charmanter Stimme. «Ich bin auch schon ewig hier, und es gefällt mir. Heute sind es genau 35 Jahre! Lass uns feiern.»

 

Neidische Blicke zum King

Der King of Rock’n’Roll ging auf die Burger-Theke hinter ihnen zu. Die Leute, die Schlange standen, bildeten einen Spalier, applaudierten Elvis, und einige Frauen warfen ihm sogar Slips zu, die sich allerdings in den flatterhaften und singende Puten verhedderten. Madonna beobachtete Elvis neidisch. Sie schien unsichtbar zu sein. Der Verkäufer hinter der Theke war noch sehr jung. War das noch legal oder schon Kinderarbeit?, dachte Madonna beim Näherkommen.

«Was darfs heute sein, Herr Parsley?», die Stimme des jungen Verkäufers, der ebenfalls eine Art schwarze Haartolle auf dem Kopf hatte, wirkte noch unsicher. Ein Blick auf sein Namensschild, und Madonna war alles klar. Dort stand: Ich heisse Luca und bin neu hier. Elvis klopfte Luca väterlich auf die Schulter. «Es heisst Presley. Du musst noch viel Lernen. Gib mir ein Sechsfach-Burger-Menü, dazu ein Erdnussbutter-Bananensandwich, Apfelkuchen und zwölf Vanille-Milchshakes. Und der ollen Tante hier», er zeigte auf Madonna, «gibst Du einen Becher voll lauwarmem Frittenfett.»

 

Eine nasal-nölige Stimme

Madonna fühlte sich fehl am Platz. Hatte dieser fette Wabbel-King tatsächlich Frittenfett für sie bestellt? Wo waren eigentlich ihre Bodyguards?

Luca schüttete gerade den Becher Frittenfett über die Kasse. Hinter ihm erschien ein solariumgebräunter, älterer Mann mit blondierten Haaren und sprach mit nasal-nöliger Stimme auf Luca ein: «Luca, Luca, das einzige was du kannst, ist als Geruch auf’m Fischkutter arbeiten. Streng dich an. Oder willst du zur strafe als nackte Pute um Mr Presleys Kopf schwirren?» «Ja, Herr Bohlen, nein, Herr Bohlen», hechelte Luca. Der Hamburger-Manager gab ihm eine Kopfnuss, zuckte mit den Schultern zu Elvis und meinte ungerührt: «Mein Problem mit überdurchschnittlich unbegabten Kandidaten ist immer das gleiche: Helfen oder notschlachten?»

Elvis lachte grunzend, sagte etwas wie «wohl neues Personal heute» und biss gleichzeitig in seinen Sechsfach-Burger und ins Bananensandwich. Madonna ignorierte den Vorfall und übernahm die Konversation. «Wie – das ist dein Himmel? Was will ich in deinem Himmel?! Was soll ich überhaupt im Himmel? Das macht doch keinen Sinn!» Sie wirkte aufgelöst. «Grmblghl», stiess Elvis hervor, während er mit der freien Hand in der Luft herumfuchtelte. Madonna entschied zu warten, bis er gegessen hatte.

Schmatzend antwortete der King schliesslich: «Ist doch egal, oder? Hey, es gibt Burger für lau! Was kümmert dich der Rest? Der Sinn? Egal. Wir haben unsere beste Zeit hinter uns. Wir sind unsterblich, irgendwie. Deshalb lebe ich in diesem Fastfood-Himmel, was Cooleres hätten Er mir nicht geben können.

 

«Wir können die Zeit nicht aufhalten.»

«Aber ich bin verdammt noch mal nicht tot! Ich lebe noch, ich gebe Konzerte, nehme ein Album nach dem andern auf, die Leute lieben mich! Sie lieben mich!», erwiderte Madonna und stichelte gegen Elvis, «Du mit deinem Fett, deinen Drogen und Medikamenten!  Auf deinem Höhepunkt hast du dich selbst abgeschossen!»

«Du bist lustig», gorbste Elvis, während ihm eine halbe Burgerscheibe aus dem Mundwinkel fiel, «1977 lag mein Höhepunkt längst hinter mir. Das hast du damals wohl nicht mitbekommen. Zu beschäftigt mit nackt posieren und Karriere planen, was?»
Das liess Madonna nicht auf sich sitzen. «Du hättest auf deine Gesundheit achten können. Dann könntest du noch heute Millionen beglücken.»

«Das tue ich auch so noch. Und was meinst du mit auf die Gesundheit achten? Vegan essen, die Kabbala befolgen und jeden Tag 15 Kilometer joggen? Ha! Die Zeit läuft immer gegen uns, und sie läuft verdammt präzis. Da hilft es auch nichts, dem Publikum seine schrumpligen Möpse hinzuhalten und sich von seinem 80 Jahre jüngeren Fitnesstrainer schwängern zu lassen. Wir können die Zeit nicht aufhalten, indem wir unsere Kinder heiraten. Und jetzt trink dein Fett, und gib endlich Ruhe.»

 

Fossile Dinosaurierkacke

Madonna war gekränkt. So wagte sonst niemand mit ihr zu sprechen. Aus einem automatischen Abwehrreflex sagte sie noch zu Elvis, er solle gefälligst Lourdes aus dem Spiel lassen. Aber das ging unter, denn in diesem Moment dröhnte es wieder sehr nölig-nasal von hinten. «Ihr seht aus wie fossile Dinosaurierkacke, gekackt von einem altersschwachen Tyrannosaurus», höhnte Fastfood-Manager Bohlen, der nun plötzlich erhöht auf einer Art Moderationsstuhl sass. Vor ihm zahlreiche singende und tanzende Freaks, jung und alt, hässlich und grässlich, hilflos und angestrengt. Castingshow-Zombies.

«Nun mach mal halb lang, wer bist’n du eigentlich? Der neue Burger-Boss?», rief Elvis dem Bohlen zu. Und Madonna, die erkannte, das Elvis hier der King war, versuchte noch einen drauf zu setzen: «Das kannst du dir abschmecken, der Burger-King ist er», kreischte sie mit einer erstaunlich dünnen Stimme, und deute auf Elvis.

Doch den Fastfood-Manager brachten sie nicht aus der Ruhe. Bohlen gab locker zurück: «Abschmecken? Dir ist wohl zu viel Haarfärbemittel ins Gehirn gesickert.» Er lachte trocken und schaute erwartungsvoll in die tanzend-singende Schar vor ihm. Die lachte sofort hysterisch und Applaudierte, bis Bohlen ein Zeichen gab und sie schlagartig verstummten. «Ihr gehört doch beide ins Altersheim. Dort könnt ihr dann dienstagabends zusammen auftreten: als Duo Schwabbel und Schrumpel. Was habt ihr den heutigen Kids schon zu bieten?»

 

Castingshow-Zombie-Pose

«Mit Verlaub: Ich kann singen», entgegnete Elvis. «Und ich kann… auch… so einiges», wehrte sich Madonna. «Singen?», erwiderte Bohlen verdutzt. «Wen kümmert denn heute das Singen? Die Leute hören doch den Unterschied gar nicht mehr, ob jemand singen kann, oder ob er quiekt wie ein Spanferkel am Spiess. Verkaufen lassen muss man sich! Gut aussehen muss man! Die Möpse müssen drall sein wie’n Gummiball, die Sixpacks hart wie der Gotthard. Dann kann was draus werden!»

«So wie bei mir!» Burger-Verkäufer Luca sprang freudvoll auf die Theke und warf sich in Castingshow-Zombie-Pose. «Was?», nölte Bohlen, «du siehst ja aus wie ein schlecht abgehangenes Schnitzel, und hast ne Ausstrahlung wie eine elektrische Gummiwurst.»
«Aber – aber Dieter! Ich bins! Luca! Dein Luca Hänni! Erkennst du mich nicht? Ich habe dein DSDS gewonnen! Mit Schmeicheleien hast du mich überhäuft, mich in den Sängerhimmel gelobt…»

Madonna ging das alles zu weit. Sie wandte sich zu Luca: «Hör mal Kleiner, du musst dir nicht alles gefallen lassen. Du bist ein guter Burger-Verkäufer und…» Das stachelte Fastfood-Manager Bohlen jedoch nur noch mehr an: «Was will denn die schrulle Stulle hier?», und direkt zu Madonna gewendet, setzte er noch einen drauf: «Für die Castingshow biste leider zu alt. Aber ich glaub’ eh, dass du zu den Leuten gehörst, die keine Ahnung von Musik haben und denken, die Zauberflöte sei ein Sextoy von Beate Uhse.»

 

Zurück auf der Welt

Das war zu viel für Madonna. Ihr wurde wieder schwarz vor Augen und alles versank in dichtem Nebel. Sie erkannte noch knapp wie Elvis dem Fastfood-Manager einen seiner Milchshakes über den Kopf schüttete und herzhaft lachte. Dann lichtete sich die graue Suppe vor Madonnas Augen. Sie erkannte den Kronleuchter im Salon ihrer Luxusvilla, eine Menge umsorgter Gesichter schienen über ihr zu schweben, und neben ihr kniete der adrette Feuerwehrmann, der sie Mund zu Mund beatmete.

Geistesgegenwärtig klammerte sie ihre Hände um seinen gestählten Nacken und versuchte, ihn zu küssen. «Nicht schon wieder, Mum!», hörte sie Lourdes verzweifelt kreischen. Madonna schloss die Augen und küsste den Feuerwehrmann weiter.

Wieder einmal ein Geburtstag überlebt. (bp)

 

Elvis Presley, 1970. Bild: Internet

Links & Infos:

- Im Januar 2013 startet auf dem Schweizer Fernsehen die Casting-Show The Voice:
http://www.schweizer-illustrierte.ch/tv-shows
http://www.glanzundgloria.sf.tv/Nachrichten

- Am 16. August 2012 feierte Popstar Madonna ihren 54. Geburtstag.
Sie tritt am 18. August 2012 im Zürcher Letzigrund auf. http://www.ticketcorner.ch/Tickets

- Madonnas Homepage: http://www.madonna.com/

- Am 16. August 1977 starb der King of Rock’n’Roll, Elvis Presley, an einem plötzlichen Herztod, vermutlich im Zusammenhang mit seiner Darmerkrankung Morbus Hirschsprung. Die Todesursache bleibt allerdings umstritten.
Eine Rekapitulation gibt es hier:  http://einestages.spiegel.de/der_einsame_tod_des_king
- Elvis Presley singt Love me Tender (1956):  http://www.youtube.com/watch?v=HZBUb0ElnNY
- Elvis’ Homepage: http://www.elvis.com

- Dieter Bohlen: http://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Bohlen
- Bohlens Homepage: http://www.dieter-bohlen.net

- Luca Hännis Homepage: http://www.lucamusic.ch

 

 

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