Ein Drink an der Bar mit einem Investment-Punk

Der Investmentbanker Gerald Hörhan schlägt zurück.

 

Zürich, Dezember 2011 – Der Österreicher Gerald Hörhan ist 36 und könnte bereits jetzt von seinem selbstverdienten Vermögen leben. Vor allem aber ist er Unternehmer, Autor und Heavymetal-Fan. In seinem neuen Buch «Gegengift» geht er mit den 20- bis 35-jährigen hart ins Gericht: Sie sei verweichlicht und faul. Ein Gespräch über Krisen, Lösungen und darüber, wie man einen Saunaklub testet.

 

Von Christian Nill (Text) und Mischa Scherrer (Fotos).

Gerald Hörhan erscheint mit seinem Assistenten und Rollkoffer in der Bar des Grandhotels Park Hyatt in Zürich. Da wir dort nicht fotografieren dürfen, ziehen wir weiter in die Kaffeebar La Stanza.

 

Christian Nill: Herr Hörhan, Sie haben eine längere Reise hinter sich und mussten nun auch noch einen kurzen Spaziergang durch das verregnete Zürich machen. Welchen Drink gönnen Sie sich?

Gerald Hörhan: Ein Mineralwasser.

 

Nill: Nicht einmal ein Feierabendbier?

Hörhan: Ich feiere gerne und viel. Aber wenn man so viele Unternehmen führt wie ich, muss man fit sein. Wenn man sich jeden Tag die Birne vollsäuft oder irgendwelche Drogen nimmt, wird man es früher oder später nicht mehr aushalten. Irgendwann wird man in der Arbeit versagen oder der Körper geht drauf.

 

Nill: Was würden Sie trinken, wenn Wochenende wäre und Sie Feierabend hätten?

Hörhan: Bacardi-Cola, Vodka-Redbull oder Caipiriña. Aber wenn ich mit einem meiner Sportautos unterwegs bin, trinke ich gar nichts. Es ist lustiger, mit 150 oder 200 Sachen auf der Autobahn unterwegs zu sein, als sich zu betrinken.

(Was unser Barkeeper Hörhan mixen würde: The Boss

 

Nill: Man darf vermutlich auch in Österreich keine 150 oder 200 km/h fahren.

Hörhan: 200 km/h wird schon sehr kritisch. 130 km/h ist erlaubt, aber ich bin jemand, der Geschwindigkeitsregeln gerne ignoriert.

 

Nill: Ein schlechtes Vorbild für die Jugend also.

Hörhan: Es stellt sich die Frage, ob dieser Regelwahn nicht irgendwann abgeschafft gehört. Europa verbürokratisiert sich derzeit und regelt sich damit zu Tode. Ganz egal ob Airport-Security, Hundeführerschein, Telefonverbot, Trinkverbot in öffentlichen Nahverkehrszügen, Compliance-Regeln…

 

Nill: Jetzt geben richtig Gas…

Hörhan: Es gibt jedes Jahr 100 neue Regeln! Die EU beschäftigt sich mit Glühbirnen und europaweiten Verkehrssünderdateien und Wasser, das man nicht mit ins Flugzeug nehmen darf, – und quält so seine Bürger. Anstatt die Probleme, die anstehen, zu lösen.

 

Ein bisschen Werbung muss sein

Nill: Sie machen zurzeit eine Werbetour durch Europa für Ihr neues Buch «Gegengift». Damit wirs hinter uns haben: Worum gehts denn da?

Hörhan: Darum, dass die Jugend von heute bitter bezahlen wird, für das, was in Europa passiert: die Misswirtschaft, die Entscheidungsschwäche und die Nicht-Fähigkeit der Staaten, sich zu restrukturieren.

 

Nill: Was meinen Sie damit?

Hörhan: Die Staaten sind nicht in der Lage, ihre Budgets in Ordnung zu bringen oder eine Antwort zu präsentieren, wie sie der Krise begegnen. Z.B. in dem sie die Staaten restrukturieren, Einzelländer aus dem Euro rausschmeissen oder die Notenpressen anwerfen. Das sind im Prinzip die Möglichkeiten, die man hätte. Aber es wird gar nichts entschieden und das zerstört Europa! Und es gibt eine Generation, die dafür bezahlen wird, und das ist meine: die 35-jährigen und darunter.

 

Nill: Wie wird diese Generation denn bezahlen?

Hörhan: Diese Leute werden brutal abgezockt. Sie werden extrem viel Geld in staatliche Sozialsysteme einbezahlen, aus denen sie nichts bis gar nichts herausbekommen werden. Sie werden von den Alten Länge mal Breite abgezockt!Mein Buch zeigt, was man tun kann, damit man bei den Umwälzungen, die Europa bevorstehen, zu den Gewinnern und nicht zu den Verliererngehört.

 

Nill: So wie Sie.

Hörhan: Es wird meiner Meinung nach zehn Prozent Gewinner geben, aber auch 90 Prozent Verlierer. Denn der Wohlstand wird sich weg von Europa hin zu den BRICS-Staaten verlagern.

 

Nill: Also Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika.

Hörhan: Ja. Aber auch Länder, von denen man noch nicht so oft gesprochen hat, wie Indonesien, Philippinen, Chile, Türkei.

 

Nill: Darf man das als Anlagetipps für Staatsanleihen verstehen?

Hörhan: Es ist sicherlich so, dass die Staatsanleihen einiger lateinamerikanischer Länder oder der Türkei weniger risikoreich sind als die Staatsanleihen mancher europäischer Staaten.

 

Nill: Mit guten Renditemöglichkeiten?

Hörhan: Dort wo Wachstum ist, können Sie auch Ihr Geld gut anlegen. Anders als dort, wo die Wirtschaft kaputt ist…

 

Die Notenpresse anwerfen!

Nill: Wer trägt Ihrer Meinung nach die Verantwortung für die europäische Misere?

Hörhan: Die Hauptmisere ist die Misswirtschaft der europäischen Staaten, die jahrzehntelang über ihre Verhältnisse gelebt und überbordende Sozialsysteme aufgebaut haben, die die Gesellschaft verweichlichen.

 

Nill: Sie sprechen von den Staatsstrukturen.

Hörhan: Ja, von Verwaltungsstrukturen, die nicht mehr zeitgemäss sind. Dazu kommt, dass zum Beispiel Griechenland als erstes Land, das Probleme hatte, gar nicht im Euro-Raum sein sollte. Denn es kam nur durch gefälschte Bilanzen zum Euro! Der nächste Punkt ist, dass Europa keinerlei Entscheidungen trifft, um die Krise zu lösen. Amerika hatte ähnliche Probleme. Aber Amerika hat entschieden, die Notenpresse anzuwerfen und so viele Dollars zu drucken, wie nötig.

 

Nill: Also Inflation, um diese Krise zu bewältigen?

Hörhan: Es ist ein kurzfristiger Weg. Der beste Weg wäre, wenn man einen Warren Buffet oder einen anderen Investor mit dieser Reputation an die Spitze verschiedener Staaten stellen und die Lokalpolitiker rausschmeissen würde, um die Länder zu restrukturieren.

 

Nill: Sie meinen also, die EU benötigt einen neuen «Führer»?

Hörhan: Keinen Führer, sondern einen temporären Restrukturierungsbeauftragten, der auch den Respekt der Finanzmärkte hat.

 

Nill: Und wer setzt den ein und wer setzt ihn dann auch wieder ab?

Hörhan: Die EU.

 

Nill: Wer ist die EU?

Hörhan: Die EU ist die Vereinigung der 27 Staaten, geführt von Frankreich und Deutschland.

 

Nill: Mir fehlt das demokratische Element.

Hörhan: Da pflichte ich Ihnen zu 100 Prozent zu. Die Leute, die in Brüssel sitzen, sind nicht demokratisch legitimiert. Sie treffen Entscheidungen und nehmen die Freiheit ihrer Bürger weg, ohne dass sie gewählt wurden.

 

Nill: Sie plädierten ja gerade ebenfalls für einen nicht demokratisch legitimierten Führer und nicht für einen demokratischen Wandel, der von der Basis ausgeht.

Hörhan: Die Krise, wie sie sich jetzt zeigt, kann man nur durch Feuerlöschmethoden lösen. Entweder, in dem man die Geldmaschinen anwirft oder in dem man glaubhaft den Märkten signalisiert, dass man konkrete Massnahmen unternimmt: gegen Staatsbahnen, die mehr Verlust machen als dass sie umsetzen, gegen Leute, die mit 55 in Pension gehen oder gegen 16 Monatsgehälter bei Staatsbeamten und ähnliches. Das muss sofort beseitigt werden.

 

Wer bewegen will, braucht Aufmerksamkeit

Nill: Damit machen Sie sich nicht gerade beliebt.

Hörhan: Mein Ziel ist es nicht, beliebt zu sein. Bei einer deutschen Talkshow wurde ich schon mal als «Kotzbrocken der Nation» vorgestellt. (lacht) Was zur Folge hatte, dass ich gleich sehr viele meiner Bücher verkauft habe…

 

Nill: Ihre Provokationen dienen also der Ankurbelung der Verkaufszahlen Ihres Buches.

Hörhan: Nein, das Ziel ist, Aufmerksamkeit zu generieren. Sonst kann man nichts bewirken.Wenn die Leute nicht wissen, dass man ein Buch geschrieben hat, dann werden sie es weder kaufen noch lesen. Und dann werden Sie auch nichts bewegen können.

 

Nill: Sie machen das also aus altruistischen Motiven, weil Sie etwas bewegen wollen?

Hörhan: Ja sicher. Wenn man den Leuten etwas mitgibt, z.B.: Strengt euch an, macht keine Konsumschulden, dann gehört ihr zu den Gewinnern. Dann kommt auch etwas Positives zurück. Ich habe sehr viele positive Reaktionen auf meine Bücher erhalten. Ich fand einige neue Freunde, gute Mitarbeiter, Geschäftspartner und neue Kunden.

 

Nill: Glückwunsch. Sie sprachen von falschen Staatsstrukturen, die für die Krise verantwortlich seien. Die Occupy-Bewegung, die lange auf der Wallstreet, aber auch in Europa und in der Schweiz demonstriert hat, sieht das anders und macht Investmentbanker wie Sie dafür verantwortlich. Irren die sich allesamt?

Hörhan: Ja. Im Prinzip ist es so: Die heutige Krise ist sicher nicht eine Krise der Banken! Denn die Banken wurden von den Staaten dazu genötigt, Staatsanleihen zu halten. Und dass die Staatsanleihen nun nichts mehr Wert sind, weil die Staaten über ihre Verhältnisse gelebt haben, dafür können die Banken nichts.

 

Nill: Die Banken können also gar nichts für die Krise?

Hörhan: Was richtig ist, ist, dass die erste Finanzkrise durch Exzesse auf der Wall Street und die extreme Verschuldung des amerikanischen Mittelstandes und amerikanischen Wirtschaftsimperialismus, ausgeführt durch die amerikanischen Rating-Agenturen, nach Europa importiert wurde.

 

Nill: Seit anderthalb Jahren beschäftigt dieses Thema die Gesellschaft, die Medienberichten täglich darüber. Wie weiter? Implodiert der Euro oder gar die EU?

Hörhan: Ich hoffe nicht! Die wahrscheinlichste Variante ist, dass die Europäische Zentralbank EZB, genauso wie die amerikanische Fed und die englische Notenbank, Geld drucken wird. Was sie in begrenztem Umfang bereits jetzt tut, um die Staatsanleihen von Krisenstaaten zu kaufen. Damit erzeugt die EZB zwar eine schleichende Inflation, aber sie löst das Problem ohne gröbere politische Instabilität.

 

«Es braucht einen gigantischen Bürokratieabbbau»

Nill: Wie lange dauert so eine Inflation ­– wenn es denn dazu kommen würde?

Hörhan: Schwierig zu sagen. Mittelfristig wird das Geld viel weniger wert sein wird. Der Schweizer Franken wird vielleicht noch an Wert zulegen im Vergleich zum Euro. Euro und Dollar werden stark an Wert und Kaufkraft verlieren. Allerdings besteht auch ein gewisses Restrisiko, dass die Politiker gar nichts in den Griff bekommen, und dass dann die Dinge in sich zusammenfallen.

 

Nill: Und dann?

Hörhan: Das würde weltweit eine grosse Krise auslösen. Deshalb braucht Europa eine starke Führung. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob alle EU-Länder beim Euro dabeisein müssen. Aber die Kernstruktur muss bestehen; und sie muss demokratisch legitimiert sein. Man braucht eine zentrale Wirtschaftsregierung und man muss einen gigantischen Bürokratieabbau vornehmen.

 

Nill: In Ihrem Buch sprechen Sie von «faulen jungen Menschen, die verweichlicht seien». Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Hörhan: Aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen als Dozent an der Wirtschafts-Uni in Wien, aber auch aufgrund von Erfahrungen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Und aufgrund von Bewerbungsgesprächen, die ich führe. Der überbordende Sozialstaat hat die Leute verweichlicht. Die Leute haben keinen Biss mehr und denken einfach, der Staat werde für sie sorgen. Das noch grössere Übel ist, dass viele Jugendliche keine Ziele mehr haben! Sie wissen nicht, was sie wollen. Fragen Sie die Occupy-Demonstranten, was sie genau wollen. Die meisten werden sagen, demonstrieren ist cool, aber mehr wissen sie nicht. Irgendjemand ist halt einfach der Böse, aber…

 

Nill: …Aber nicht Sie.

Hörhan: Ich bin Unternehmer. Das Geschäft, das ich betreibe, ist das ursprüngliche Investmentbanking: Für mittelständische Unternehmen Geld beschaffen und mittelständische Unternehmen verkaufen. Was fragwürdig ist, sind die exzessiven Derivativgeschäfte mit extrem hohem Leverage: So haben Banker ihre eigenen Investmentbanken in den Bankrott geführt. Die Bank Lehman Brothers ist an ihren eigenen Spekulationen zugrundegegangen. Auch die UBS wäre untergegangen, hätte der Schweizer Staat nicht massiv eingegriffen.

 

Nill: Und sogar noch Gewinn zurückbekommen. Wie nehmen Sie die Schweiz wahr?

Hörhan: Die Schweiz hat eine kompetitive, international wettbewerbsfähige Wirtschaft. Sie hat eine positive Einstellung gegenüber Unternehmertum, ähnlich wie Amerika – nicht wie im Rest von Europa. In Europa ist Unternehmertum eher negativ behaftet, wo Unternehmer gejagt und als politische Sündenböcke hingestellt werden. Ausserdem hat die Schweiz attraktive Steuergesetze, weshalb sich hier viele internationale Konzerne ansammeln. Die Schweiz ist sicherlich ein Land, von dem sich andere europäische Länder etwas abschauen können.

 

Nill: Sollte die Schweiz der EU beitreten?

Hörhan: Derzeit ist die Schweiz besser dran, so wie sie ist. Man kann es auf lange Sicht vielleicht nicht ausschliessen. Aber so, wie sich die EU zurzeit entwickelt, geht es in die falsche Richtung.

 

Nill: Was halten Sie davon, dass die Schweizer Nationalbank den Euro-Wechselkurs fix auf CHF 1.20 festgelegt hat?

Hörhan: Das wird dazu führen, dass, wenn Europa durch Gelddrucken Inflation macht, die Schweiz ebenfalls Inflation produzieren muss, um die Bindung zu halten. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass die Schweiz, die sehr exportorientiert ist, darunter leiden wird, wenn der Schweizer Franken in lichte Höhen steigt. Zur kurzfristigen Stabilisierung war diese Massnahme vielleicht nicht schlecht. Ob sie dauerhaft haltbar ist, wage ich zu bezweifeln.

 

Gerald Hörhan, Autofan, Investment-Punk und Buchautor. Foto: Edition A

 

Mehr Verarmung in Europa?

Nill: Was würde der Investementbanker Hörhan tun?

Hörhan: Ich glaube, die Schweiz hat gar keine anderen Möglichkeiten. Wenn so viel Geld aus Europa und aus Amerika weg in kleinere, sicherere Häfen will, ist ganz klar, dass deren Währungen in ganz verrückte Höhen steigen werden. Aber es ist einfach so, dass irrsinnig viel Geld nicht mehr in den Euro-Raum und auch nicht in den Dollar-Raum will, weil das Vertrauen in diese Währungen de facto verloren gegangen ist.  Die Überschuldung der industrialisierten Welt, gepaart mit dem politischen Chaos, führt zu einer Wohlstandsverschiebung, weg von Europa, hin zu den ehemaligen Entwicklungsländern. In Europa wird es mehr Verarmung geben.

 

Nill: Trübe Aussichten.

Hörhan: Die Aussichten sind eigentlich nicht so trübe. In meinen Büchern beschreibe ich, dass jeder die Chance hat, zu den Gewinnern zu zählen. Er muss nur die Dinge anders machen als die andern. Er muss  sich anstrengen, anpacken, seine Karriere richtig planen und sorgsam mit seinem Geld umgehen.

 

Nill: Sprich sparen.

Hörhan: Vor allem investieren und unternehmerisch tätig werden.

 

Nill: Zuerst muss man Geld haben, bevor man es investieren kann.

Hörhan: Ja, zuerst einmal sparen. Und wenn man genügend hat und sich auskennt, kann man unternehmerisch tätig werden. Und auf keinen Fall Konsumschulden machen! Ich sage jedem Jugendlichen: Hände weg von Konsumschulden. Kein Eigenheim auf Pump, kein neues Leasing-Auto, kein iPhone auf Kredit. Das ist die moderne Form der Sklaverei.

 

Nill: Sie bezeichnen sich als Investmentpunk. Was verstehen Sie unter einem Punk?

Ein Punk ist jemand, der gegen das Establishment rebelliert, der die Dinge anders macht und der nicht alles akzeptiert, was ihm an Unsinn von der Gesellschaft eingetrichtert wird. Ein Investmentpunk ist einer, der die wirtschaftliche Welt auf den Kopf stellt und die Dinge komplett anders macht. Und deswegen erfolgreich ist.

 

Nill: So wie Sie?

Hörhan: Ja. Wir betreiben Low-cost-Investmentbanking. Ein Beispiel: Beim Investmentbanking glaubt jeder, man müsse in einem Fünfsternehotel übernachten und First-class fliegen – was dann alles der Kunde bezahlt. Das tun wir nicht. Wir arbeiten auf Erfolgsbasis, dafür haben wir niedrigere Kosten. Ausserdem geben wir Leuten eine Chance bei uns zu arbeiten, die im klassischen Ausbildungssystem nicht erfolgreich waren. Das sind oft die besten Leute.

 

Moralische Grenzen beim Geschäft mit dem Geld

Nill: Punks gab es schon früher. Zur Zeit von William Shakespeare bedeutete «punk» Prostituierte. Eine Kritik an Investmentbankern ist, dass sie für Geld alles tun, sogar über Leichen gehen würden. Wo sind die moralischen Grenzen?

Hörhan: Es gibt viele moralischen Grenzen. Ich bin der Meinung, dass man Handschlagqualität haben muss, dass man ehrlich sein muss, und dass man Geschäfte machen muss, von denen alle profitieren. Wenn Sie Produkte verkaufen, die Sie nicht verstehen oder intern als «Scheiss» bezeichnen, wird das wieder auf Sie zurückkommen. Ich bin hauptberuflich Unternehmer. Die Firma, für die ich arbeite, gehört mir und einem Partner. Die meisten Leute, die in grossen Konzernen sitzen, sind wie Söldner. Denen gehört das Unternehmen nicht. Klar, dass da falsche Anreize gesetzt werden.

 

Nill: Sie haben u.a. die Österreichische Post beim Börsengang beraten sowie den Saunaklub Goldentime.

Hörhan: Ja, wobei ich den Saunaklub nicht beim Börsengang beraten habe, sondern bei anderen Finanzangelegenheiten. Ein Börsengang war nicht möglich.

 

Nill: Sie sagen, man solle keine Aktien kaufen, wenn man das Unternehmen nicht kennt und dass es einen umfassenden Research brauche. Haben Sie beim Saunaklub ebenfalls entsprechend recherchiert?

Hörhan: Natürlich. Auch dort müssen Sie sich das Unternehmen anschauen.

 

Nill: Wie haben Sie das gemacht?

Hörhan: Na, in dem Sie das Produkt testen.

 

«Was macht man in einem Saunaklub?»

Nill: Wie haben Sie das Produkt getestet?

Hörhan: Na, was macht man in einem Saunaklub? Man schaut sich das Produkt an und sieht, ob es passt oder nicht. Man schaut, wie viele Leute hingehen, ob das Umfeld sauber ist und ob es stimmig ist oder abschreckend.

 

Nill: Das heisst, Sie haben sich die Frauen angeschaut und sie getestet?

Hörhan: Angeschaut.

 

Nill: Nackt oder in Kleidern?

Hörhan: In Kleidern.

 

Nill: Wer, Sie oder die Frauen?

Hörhan: Die Mädchen waren in Kleidern und ich auch.

 

Nill: Sie haben also nicht wirklich das Kerngeschäft des Saunaklubs getestet?

Hörhan: Ich glaube, es reicht, wenn man sich einen Klub anschaut, ob er sauber ist und ordentlich wirtschaftet und ob das Ambiente ansprechend ist.

 

Nill: Sie kennendemnach keine Berührungsängste. Würden Sie jederzeit wieder ein Sexunternehmen überprüfen und beraten?

Hörhan: Sagen wir es so, ich bin jemand, der eine sehr liberale Einstellung hat. Wenn jemand seine Ehefrau betrügt, finde ich das nicht in Ordnung. Aber wenn jemand sexuelle Abwechslung haben möchte oder sexuelle Abenteuer sucht, dann finde ich das durchaus legitim.

 

Nill: Das heisst, Sex ist auch eine Dienstleistung, die man verkaufen kann, wie jede andere auch?

Hörhan: Solange es freiwillig geschieht. Wenn das ganze aber in Richtung Zwang, Ausnützung, Menschenhandel und ähnliches geht, dann bin ich strikt dagegen.

 

Nill: Sie machen keinen Hehl daraus, dass Sie auf schnelle Autos, Geld und schöne Frauen stehen. Haben Sie keine Bedenken, als Zyniker abgestempelt zu werden?

Hörhan: Wieso? Ich glaube, die Dinge, die ich sage, sind durchaus legitim: hart arbeiten und ein Unternehmen aufbauen. Natürlich bin ich auch jemand, der das Leben geniesst. Aber ich bin gegen eines – und das ist Verschwendungssucht.

 

© www.bar-storys.ch, 2011

Einen kurzen Auszug aus Hörhans Buch «Gegengift» finden Sie hier: Gegengift von Gerald Hörhan

 

Wissenswertes über Gerald Hörhan

 

  • 28. Oktober 1975, in Wien
  • Investmentbanker, Immobilienbesitzer, Buchautor, liebt Heavy-Metal-Konzerte
  • Studierte angewandte Mathematik und Betriebswirtschaft am Harvard College in Cambridge, Massachusetts USA
  • Hörhan arbeitete als Investmentbanker für JP Morgan Chase und als Unternehmensberater für McKinsey
  • Heute ist er Gesellschafter der Pallas Capital Holding AG, in Wien
  • Hörhan ist ausserdem Dozent an der Wirtschaftsuniversität Wien
  • Er besitzt laut eigenen Angaben «rund 100 Wohnungen» in Frankfurt, Wiesbaden, Stuttgart, Wien
  • Hörhan: «Ich bin wirtschaftlich unabhängig und tue, was ich will.»
  • Bücher: «Investment Punk» (2010); «Gegengift» (2011)
  • Format.at nennt ihn einen «bösen Buben der Wirtschaftskrise»
  • Hörhan nahm auch schon an Mathematik-Olympiaden Teil – mit Erfolg: Er gewanneine Goldmedaille in Österreich und eine Silbermedaille in Istanbul

 

Der Verlag Edition A über Hörhans Buch «Gegengift»

«“Die Jugend ist verweichlicht, kann nicht mehr anpacken und sollte die Schuld für ihre schlechten Perspektiven deshalb nicht bei der Finanzbranche, sondern bei sich selbst suchen.“ Das sagt der Investmentbanker und Harvard-Absolvent Gerald Hörhan in seinem Buch Gegengift – Europa stiehlt euch die Zukunft. Was ihr dagegen tun könnt.

Hörhan empfiehlt statt Demos den Aufbau wirtschaftlicher Macht, die dann auch politischen Einfluss bringt. Die Anleitungen dafür gibt er im Stile eines Jamie Oliver der Wirtschaft in seinem Buch. Gegengift hat bereits die österreichischen Bestsellerlisten gestürmt.»

Einen Auszug  aus Gegengift lesen Sie hier: Gegengift von Gerald Hörhan

 

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