Ein Drink an der Bar mit einem Armeetaucher
Amedeo Di Marzio und der Rausch der Tiefe.Der Berufsunteroffizier und professionelle Armeetaucher Amedeo Di Marzio wusste bereits als Sechsjähriger, dass er einmal Berufstaucher werden will. Seither ist der 43-jährige Schweizer fast lieber unter als über dem Wasser. Ein Gespräch über Wasser, Ängste, Machismo und Geburt-ähnliche Tauchgänge. Und einen besonderen Tauchfilm.
Von Christian Nill (Text) und Mischa Scherrer (Fotos) Wir befinden uns in der Magma-Bar in Schinznach-Bad. Es ist früher Feierabend, die Bar ist noch fast leer. Nur die Pianistin am Flügel legt sich bereits mächtig in die Tasten. Zufälligerweise spielt sie gerade Smoke on the Water.
Christian Nill: Die musikalische Begleitung macht ja schon einmal Sinn. Weshalb haben Sie diese Bar gewählt? Amedeo Di Marzio: Die Magma-Bar befindet sich in einem Kurort, einem Ort zum Relaxen. Hierher kam ich vor allem früher regelmässig mit meiner Frau. Seit die Bar in ein Fumoir umgewandelt wurde, sind wir nicht mehr so oft hier.
Nill: Gabs damals auch musikalische Untermalung? Di Marzio: Nein, in der Regel nicht, ausser mal ein DJ.
Nill: Es macht die Atmosphäre etwas romantischer. Di Marzio: Es kann sie romantischer machen, ja. Das hängt immer davon ab, welchen Zweck man mit einem Barbesuch verfolgt. Geht es einfach darum, einmal etwas weg zu sein von den Kindern, der Arbeit und dem Alltag? Oder möchte man zielgerichtet einen romantischen Abend mit seiner Frau verbringen?
Nill: Sie planen Ihre Barbesuche strategisch? Di Marzio: Ja. Vor allem, wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin.
Nill: Was kann denn das Ziel eines Abends in der Bar sein? Di Marzio: Es kann ein «social» sein, wo man sich austauscht und sich den Berufsalltag erzählt. Das ist dann eher ein gemütlicher Treff unter Freunden. Aber mit der eigenen Frau kanns natürlich auch romantisch und anders enden… (lacht)
Nill: Was trinken Sie? Di Marzio: Rotwein. Ich liebe italienische Rotweine, am liebsten sehr schwere. Ripasso, Amarone, aber auch süditalienische wie Primitivo di Manduria oder Primitivo del Salento. Diese Weine trinken wir auch zuhause. (Unser Barkeeper würde Di Marzio einen taffen John McClane mixen. Real stuff for real guys.)
Nill: Hat das etwas mit Ihrer halb-italienischen Herkunft zu tun? Di Marzio: Indirekt. Meine Eltern leben nun seit 25 Jahren in Süditalien, mein Vater ist Römer. Guter Wein war bei uns immer ein Thema. Wir konsumierten eigentlich nie Bier. Ich nehme aber gerne auch mal einen schönen Single Malt.
Keine Angst vor Dunkelheit, Kälte und EngeNill: Sie sind Berufsunteroffizier der Schweizer Armee und sagten bereits im Vorfeld, dass Sie über bestimmte Themen nicht sprechen werden. Können Sie das kurz erläutern? Di Marzio: Es gibt gewisse Projekte, Zusammenarbeiten und Kooperationen, die sensitiv sind und nicht ins Internet oder in die Öffentlichkeit gehören.
Nill: Sollte ich also ein Thema anschneiden, das sensitiv ist, dann… Di Marzio: … sage ich einfach, nächste Frage! (lacht)
Nill: Wie oft trifft man Sie als Armeetaucher unter Wasser an? Di Marzio: Das hängt von der aktuellen Hauptfunktion ab. In den vergangenen fünf Jahren war ich durchschnittlich alle zwei, drei Tage mehrere Stunden pro Tag im Wasser. Zurzeit absolviere ich noch knapp drei Trainingseinheiten pro Woche.
Nill: Wie sieht so eine Trainingseinheit aus? Di Marzio: Sie beinhaltet Tauch-, Schwimm- und Apnoe-Technik, Umgang mit den Geräten und der Ausrüstung, überprüfen von Systemabläufen und das Erstellen von Gasgemischen.
Nill: Sie erwähnten eben das Stichwort Apnoe. Darunter versteht man ein relativ langes Aussetzen der Atmung. Wie lange kann ein trainierter Taucher wie Sie ohne Luft unter Wasser bleiben? Di Marzio: Das hängt vom Trainingszustand ab. Nicht nur vom mentalen Trainingszustand, sondern auch vom Grundzustand des Kreislaufes. Mit einem guten, seriösen Aufbau und einer mental guten Verfassung sind rund fünf Minuten realistisch.
Nill: Krass. Di Marzio: Es gibt natürlich Auswüchse in Extrembereiche, wo noch längere Zeiten erreicht werden. Aber das suche ich nicht. Weil das letztendlich schädigend sein kann. Apnoe-Tauchen ist eine sehr mentale Sportart. Und wie bei jeder spitzenmässig betriebenen Sportart wird es irgendwann ungesund. Da muss jeder selber wissen, wie weit er gehen will.
Nill: Ich halte es vielleicht knapp 45 Sekunden ohne Luft unter Wasser aus. Di Marzio: Das kann man trainieren. Nach einer Trainingseinheit mit mir würden auch Sie etwa zwei bis zweieinhalb Minuten schaffen, statisch. Es ist einfach: Es braucht Grundlagentechnik, Vertrauen, Selbstbewusstsein, ein gutes Umfeld – und dann lassen sich schnell zwei Minuten ohne Luft erreichen. Ganz anders ist es, wenn wir im Training apnoistische Elemente einbauen. D.h., wenn wir trainieren, unter Stress ruhig zu bleiben. Das braucht sehr viel Erfahrung und Selbstkenntnis. Da darf man keine Angst haben vor Kälte, Dunkelheit und Enge.
Worauf es beim Überleben ankommtNill: Das ist leichter gesagt als getan. Sie sind u.a. auch Instruktor im Bereich Überlebenstechniken. Was ist das wesentliche dabei? Di Marzio: Der Mountain Survival und der Sea Survival sind Elemente, die für Armeetaucher Pflicht sind. Diese Ausbildungen tragen dazu bei, dass man die mentale Stärke hat, um in Extremsituationen ruhig und überlegt zu bleiben. Dadurch kann man gewisse Abläufe bewusster steuern, weil man Reserven hat. Extremsituationen haben nicht unbedingt etwas mit Angst oder Panik zu tun. Eine Extremsituation kann bereits dann eintreten, wenn man von seinem zurechtgelegten Standardplan abweichen muss, zum Beispiel aufgrund nicht-planbarer äusserer Einflüsse.
Nill: Das ist vermutlich die grösste Herausforderung überhaupt beim Tauchen, dass man nicht in Panik gerät, wenn etwas passiert. Di Marzio: Der Unterschied zwischen einem Armeetaucher und einem sehr guten Sporttaucher ist natürlich, dass ersterer viel mehr Zeit in die Vorbereitung und Planung investiert. Ein Armeetaucher überlegt sich viel mehr «Wenn-dann»-Szenarien und trainiert diese Szenarien viel intensiver. Durch optimale Planung und saubere Vorbereitung des Materials ist es viel unwahrscheinlicher, in eine kritische Situation zu kommen.
Nill: Wie reagieren Sie in einer Extremsituation? Di Marzio: Grundsätzlich muss man eine Extremsituation erst einmal für sich selber definieren. Ist es eine Extremsituation, wenn ich unvorbereitet auf eine Leiche treffe? Oder wenn die Sicht plötzlich sehr schlecht wird, wenn das Licht ausfällt oder man den Kontakt zum Partner verliert? Wenn man diese Situationen trainiert, kann man auch richtig reagieren.
Nill: Unvorbereitet auf eine Leiche zu treffen, kann man vermutlich eher nicht trainieren. Di Marzio: Der Schlüssel liegt u.a. darin, dass man sich selber nicht überschätzt. Das persönliche Risk Management sollte nicht auf dem wahrscheinlichsten Fall beruhen, sondern auf dem für sich gefährlichsten. Die gefährlichste Situation deckt auch die unwahrscheinlichste ab. Weitere wesentliche zentrale Elemente für die Krisenvorbereitung: Ruhige Atmung, ruhiges Denken, langsame oder keine Bewegung.
Nill: Weshalb? Di Marzio: Jedes Verhalten, das zu unkontrollierter Atmung und unstrukturiertem Denken führt, hat einen grösseren Sauerstoffverbrauch zur Folge. Und das führt zu einer stärkeren Gassättigung im Körper und zu anderen körperlichen Reaktionen. Wenn man ein Problem mit dem Gasgemisch frühzeitig erkennt, die Atmung ruhig behält und auf die Alternativversorgung umsteigt, hat man kein Problem. Für einen Hobbytaucher kann es jedoch bereits eine Extremsituation sein, wenn plötzlich ein oranges Lämpchen blinkt; seine Atmung erhöht sich und er bekommt Angstzustände.
«Man ist mental nicht immer bereit für das Bergen von Toten.»Nill: Kam es schon oft vor, dass Sie Leichen bergen mussten? Di Marzio: Ja. In den 23 Jahren, in denen ich nun Armeetaucher bin, hatten wir durchschnittlich zwei bis drei Bergungseinsätze pro Jahr. Und in den fünf Jahren, in denen ich Chef des Fachbereichs Armeetauchen war, war es noch intensiver.
Nill: Wie bereitet man sich denn darauf vor, möglicherweise eine Leiche bergen zu müssen? Di Marzio: Grundsätzlich ist das etwas, worüber sich jeder Verkehrspolizist ebenfalls Gedanken machen muss, wenn er an eine Unfallstelle kommt. Man muss sich bewusst machen, was man tut. Man weiss in einem konkreten Fall, dass es um die Bergung einer Person geht. Bevor diese Bergung stattfindet, gibt es wenn notwendig und möglich eine forensische Abklärung. Es müssen Bilder gemacht werden und es muss eine schonende Bergung stattfinden.
Nill: Damit keine zusätzlichen Spuren am Opfer verursacht werden. Di Marzio: Ja. Und die schonende Bergung in einem Fliessgewässer ist meistens mit einem direkten Kontakt mit der Leiche verbunden. Man kann den Körper nicht einfach festbinden und heraufziehen, weil man ihn sonst zusätzlich verletzen würde.
Nill: Für Otto Normalverbraucher wäre das eine Extremsituation. Di Marzio: Daher ist es wichtig, dass man sich mit seinen Überlegungen genau darauf vorbereitet und sich mit dem Team bespricht. Natürlich hängt es auch von der persönlichen Tagesform ab, ob man für eine solche Bergung in der Lage ist oder nicht. Es gibt schlicht auch Phasen, wo man nicht bereit ist dafür. Das muss das Team respektieren. Ausserdem versuchen wir immer, eine Betreuung zu organisieren, die den Einsatz möglichst von Anfang an begleitet und auch während einer längeren Zeit in der Nachbearbeitung für persönliche Gespräche zur Verfügung steht.
Nill: Das klingt alles ziemlich rationell. Di Marzio: Schwierig wird es, wenn es um Kinder geht. Das ist eine heikle Geschichte und mental noch einmal etwas ganz Anderes. Man kann es einfach anders verarbeiten, wenn es um die Bergung einer Person geht, die sich das Leben genommen hat als wenn es um ein Kind geht, das beim Baden ertrunken ist. Da muss man sehr sauber arbeiten, vorher und nachher.
Nill: Wasser ist ein Element, das völlig gegensätzliche Wirkungen haben kann. Von sehr friedlich bis gnadenlos tödlich. Di Marzio: Ich liebe Wasser! Das ist mein Element. Ich durfte als Sechsjähriger mit meinem Vater mit dem Tauchen beginnen. Als Kind erlebte ich, wie schön es ist, mit dem Vater in einem warmen, übersichtlichen Gewässer zu tauchen. Ich wurde eigentlich im Wasser gross. Kaum konnte ich laufen, trug ich bereits eine Tauchbrille. Wie ein Bündner Kind, das praktisch mit Skiern an den Füssen gross wird. So wuchs ich auf und kam dann auch früh mit dem Apnoe-Tauchen in Kontakt. Das war damals in der Schweiz unbekannt, das machten nur Italiener und Franzosen. Und die galten als Spinner… (lacht)
Faszination Apnoe-TauchenNill: Was fasziniert Sie denn am Apnoe-Tauchen? Di Marzio: Der Apnoismus führt einen ganz anders ans Wasser heran. Es ist dunkel da unten, man spürt seinen Puls, man lernt sich anders kennen. Tauchen war bei mir immer ein netter Nebeneffekt des Aufenthalts unter Wasser, das war mir immer das wichtigste. Schade, dass man überhaupt atmen muss. Wenn man das weglassen könnte, wäre es perfekt. (lacht)
Nill: Wie gehen Sie mit der erwähnten Dualität von Wasser um? Di Marzio: Wasser ist wie Feuer ein faszinierendes Element. Man kann es nicht dominieren, sondern nur damit umgehen. Man darf es nicht unterschätzen und man ist nie vor Überraschungen geschützt. Das ist schön. Und die Kombination von Wasser, Dunkelheit und sehr engen Verhältnissen ist dann absolut perfekt.
Nill: Für Sie. Di Marzio: Ja. Das ist dann der Moment, wo alles beginnt. Das ist die Grenze: Unter Wasser sein, nichts sehen und praktisch keine Bewegungsfreiheit. Das ist aussergewöhnlich.
Nill: Der Gedanke löst bei mir eine Hühnerhaut aus… Di Marzio: Bei mir lösen dafür andere Dinge eine Hühnerhaut aus.
Nill: Die da wären? Di Marzio: Golf spielen. (lacht) Es ist wie mit allem: Es geht um die Leidenschaft. Und es geht auch um ein gesundes Verhältnis zum Risiko. Ich liebe es, Risiken für mich abzuschätzen, zu beurteilen und mit einer gewissen Reserve im Risiko zu leben. Letztendlich ist das Hinfahren mit dem Auto zum Tauchplatz viel gefährlicher als die anschliessende Grenzerfahrung unter Wasser.
Nill: Brauchen Sie dieses Ablenkungskonstrukt, um sich die Angst zu nehmen? Di Marzio: Nein, gar nicht.
Nill: Sie begeben sich immerhin in existenzielle Situationen. Di Marzio: Ja, natürlich. Aber das trifft auch auf Situationen ausserhalb des Wassers zu. Wenn ich als Berufsunteroffizier im Rahmen einer Schiessausbildung mit Milizsoldaten zu tun habe, die zwar eine solide Grundausbildung genossen haben, aber nicht täglich mit Handgranaten und Sprengstoff hantieren, dann hänge ich viel stärker von deren Entscheidungen ab. Da hat ein Fehler unter Umständen ebenfalls existenzielle Konsequenzen.
Ein Schlüsselerlebnis unter WasserNill: Verlassen wir die tödlichen Gefahren und wenden uns den schönen Seiten des Tauchens zu. Welches schöne Unterwassererlebnis ist Ihnen besonders geblieben? Di Marzio: Wenn ich zurückblicke gibt es vermutlich drei Schlüsselerlebnisse. Das letzte hat mich am meisten beeindruckt. Es war im letzten September in Frankreich, wo ich eine Tauchweiterbildung im Bereich Plonger surface non libre absolvierte. Dabei geht es um das Suchen, Retten und Bergen in technischen Anlagen, Höhlen, Kavernen und Schiffsrümpfen. In diesem Zusammenhang haben wir einen Tauchgang in der Fontaine de Truffe (siehe Links), einer natürliche Unterwasserhöhle, gemacht. Der Einstieg in diese Höhle liegt ca. acht Meter unter Wasser und ist extrem schwierig mit drei aufeinanderfolgenden Hindernissen. Die engsten Stellen sind etwa 70 Zentimeter hoch und 120 Zentimeter breit. Die Sichtverhältnisse sind gleich null in dieser Enge. Man muss seine Ausrüstung ablegen und vor seinem Körper her stossen, um den Einstieg zu überwinden. An der engsten Stelle ist es nötig, komplett auszuatmen, damit die Lunge zusammenfällt und man sich gerade noch durchquetschen kann. Das hat etwas von einer Geburt. Das war sehr eindrücklich – vor allem im Hinblick darauf, was dahinter liegt: Ein Raum, der rund acht Meter Durchmesser hat, aber Hunderte Meter lang ist. Dort ist das Wasser so klar, dass man es gar nicht sieht. Da fühlt man sich dann wirklich schwerelos. Man spürt seinen Herzschlag und hört höchstens seinen Tauchpartner und die Luftblasen, die an den Höhlenwänden entlang kullern. Das ist Science Fiction pur! Das ist das grösste. Und wenn man dann zurückkehrt, muss man diese engen Stellen noch einmal überwinden. Man spürt die Verantwortung, die man seinem Partner gegenüber hat. Denn wenn ich in der engen Stelle steckenbleibe, dann…
Nill: … kommt der Partner auch nicht mehr raus. Di Marzio: Genau. Das ist mental unglaublich schön. Das macht man nur mit Leuten, wo man sich die Verantwortung wirklich gegenseitig übergibt. Das führt einen sehr, sehr nahe zueinander. So etwas macht man nicht einfach mal kurz auf die Schnelle. Und das grösste war dann, als wir in dieser Kaverne das Licht ausmachten. Das war wirklich schön.
Nill: Grenadiere scheinen eine eigentümliche Vorstellung von Schönheit zu haben. Und das sind Sie ja auch, ein Grenadier. Di Marzio: Richtig.
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